Was macht einen Song eingängig?

Man kann vielleicht eine mathematische Formel - wie ja schon real geschehen - finden, die diese Frage wissenschaftlich zu erklären versucht, trotzdem wird das Mysterium unseres inneren Gefühls und Empfindens nie auf solch seelenlose Art eingezwängt und erklärt werden können - Gott sei dank!

Ein guter Song ist etwas irrationales, will und kann nicht erklärt werden. Jedoch muss er seinem “Wirt” - dem Interpreten - stehen bzw. liegen. Ein wirklich guter Song kann bis zu einem gewissen Grad umgeschrieben, eingekürzt oder verlängert werden, ohne dass er etwas von seinem Charme einbüsst - in jedem Fall gibt der/die Interpret/-in dem Song sein Gesicht, seine Stimme, verleiht ihm Leben und erreicht im Idealfall eine Einheit von Person und Musik - er IST der Song. Der Song selbst aber steht dennoch - und wird das immer tun - für sich alleine. Wie viele gesichtslose Songs mit einer einprägsamen Hookline, aber vergessenen Interpreten haben wir noch im Ohr? Oder erinnert sich noch jemand an eine Band namens “ATC”? Wohl kaum. Einen ihrer eingängigen Hits - “My heart beats like a drum” jedoch erkennen viele, wenn sie ihn hören. So ist es mit tausenden weiterer Beispiele; die Gesichter, Stimmen, Körper und Tanzdarbietungen sind austauschbar, die Hookline nicht. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich die Musikindustrie klar wird, dass ihr eigentliches Gold und Kapital weniger gutaussehende und -klingende junge schöne Menschen, als vielmehr die eingängigen Melodien sind, die im Hörer Gefühle wecken und Assoziationspunkte zu persönlichen Intimen Erlebnissen setzen. Diese Melodien kann man leider auch nicht durch ein Casting oder durch Trendkreationen vom Reißbrett “ernten”. Sie kommen einem zugeflogen, wenn man offen ist und gelöst von Druck, Zwang und Gier. Diese Gelöstheit jedoch verfliegt immer mehr, was man an einer Verflachung der Melodien deutlich hört.

Die restrektive Haltung der Musikindustrie - politisch, wirtschaftlich und ideologisch -, die es kaum noch wagt, Bands und Interpreten eine Entwicklungs- und Wachstumszeit zuzugestehen, die ihnen innere und äussere Festigkeit und Erfahrung mit auf den Weg gibt, wirkt sich aus in der Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeit der dargebrachten Kunst und stellt einen unseligen Trend dar, der immer mehr echte tiefe Kreativität und Authentizität verunmöglicht.

In unserer Zeit des Hypes, der Überkommerzialisierung und der totalen Extrovertiertheit passiert es zusehends seltener, dass Interpret und Song eine echte gefühlte Einheit bilden können, wie dies beispielsweise bei einigen Grossen der vergangenen Pop- und Rockgeschichte der Fall war; Können Sie sich z.B. “Let’s dance” von David Bowie von einem anderen gesungen vorstellen? Oder “Beautiful Day” von U2, “Looking for the summer” von Chris Rea oder “Red Rain” von Peter Gabriel? - Nein, das sind perfekte Songs, perfekt dargebracht von den richtigen Interpreten.

Gute Interpreten gibt es heute zugegeben immer mehr - Sängerinnen, die eine zuckersüsse Soulstimme haben, Rockröhren a la Metallica oder Rappertalente sind heute viel zahlreicher anzutreffen als je zuvor. Das ausführende Talent ist also - jedenfalls theoretisch - vorhanden. Wie aber steht es mit dem einen Ding, das diesen Talenten erst Flügel verleiht und einen nachhaltigen Eindruck im Ohr und Geist der Menschheit hinterlässt - dem Song?
Meiner Meinung nicht allzu gut. Wirklich gute Melodien, die ins Herz und in den Bauch gehen, gibt es heute deutlich seltener als früher. Songgebilde, die lediglich in die Füsse und unterhalb des Bauches gehen, dafür immer mehr. Effekte, Aussehen, Performance, technische Arrangement-Finessen oder perfekt ausgemasterte Pegel und EQ’s sind die Parameter, auf die immer mehr wert gelegt wird. Und - ach, ja - Sex natürlich...
Was dabei auf der Strecke bleibt, ist Echtheit, Tiefe, Wahres, ist wirkliche Kreativität, die das Herz bewegt.

Mein Ziel ist es, meine Songs - die, wie ich meine, das Zeug dazu haben, Herz und Bauch zu berühren - an “den Mann” bzw. “die Frau” zu bringen, zu denen sie perfekt passen und somit ein Stück Nachhaltigkeit und wirklich gute Kunst zu schaffen. Idealistisch, meinen Sie? Natürlich. Aber wer kein Ideal hat, hat von Anfang an verloren.